Notre-Dame - Ein Nachtrag

Wie einem im »Südkurier«, eine Tageszeitung für den Raum Bodensee,

Schwarzwald und Hochrhein, erschienenen Artikel zu entnehmen ist, kursieren derzeit im Internet diverse Vorschläge für den Wiederaufbau der Kathedrale, wobei der Vorschlag, dieser ein Glasdach zu verpassen, unter dem ein riesiges Gewächshaus einzurichten wäre, vermutlich der skurrilste ist. Dennoch wurde ein solches Bild im französischen Fernsehen gezeigt, sogar mit zwei darin wandelnden Patres. Man fragt sich überhaupt, was die Vorstellung von neu konzipierten Vorschlägen soll, ist doch davon auszugehen, dass die Mehrheit der Franzosen nichts anderes als eine originalgetreue Wiederherstellung verlangt. Dennoch hat Premierminister Edouard Philippe einen sogar internationalen Architekten-Wettbewerb für den Aufbau eines neuen Spitzturms, der an die Techniken und Herausforderungen unserer Zeit angepasst ist, ausgerufen, was bei der Frage, ob es sich um eine identische Rekonstruktion oder um eine moderne Version handeln soll, Spielraum lässt. Zunächst steht jedoch die Sicherung des Sakralbaus an, der durch die Flammen und das Löschwasser stark beschädigt worden ist. Gedeckt wird die Kathedrale inzwischen durch eine provisorische Plane und bis zum Sommer wird eine Art von Regenschirm über den Bau gezogen, während die Sicherung einzelner Figuren und Türme vor der Witterung bereits erfolgt ist.  [1]

 

Über ein offenbar verstecktes Streitobjekt bei der Wiederherstellung von Notre-Dame legt nun Thierry Meyssan folgendes dar:

Der Elysée-Palast benutzt das Feuer von Notre-Dame, um ein Projekt zu vollenden, das bislang in der Schublade schlummerte. Er hat außerhalb der normalen Verfahren für die Angebotsabgabe und ohne Respekt für das Erbe Frankreichs neue Regeln aufgestellt, nicht, um die Kathedrale zu restaurieren, sondern um die Ile de la Cité am Vorabend der Olympischen Spiele im Jahr 2024 in einen ersten touristischen Ort Europas zu verwandeln. Um die rechtlichen Einschränkungen zu umgehen, hat er die Hypothese eines Baustellenunfalls willkürlich durchgesetzt.  

Als das Feuer von Notre-Dame abends am 15. April 2019 ausbrach, schreibt Meyssan, haben sich alle französischen und viele ausländischen Medien auf die in Brand stehende Kathedrale fokussiert. Viele ausländische Fernsehsender begannen ihre Nachrichtensendung mit dieser Nachricht, nicht jedoch France2.

Der öffentlich-rechtliche Sender hatte geplant, seine Nachrichten der  angekündigten Rede des Präsidenten Macron zu widmen, welche die große nationale Debatte abschließen sollte. Die Redaktion, die durch diese unvorhersehbare Tragödie und die ausgelöste Bestürzung vollkommen betroffen war, widmete zwar ihre Sendung diesem Ereignis, aber nicht ohne vorher bedauert zu haben, dass der Präsident seine Rede auf unbestimmte Zeit vertagen müsse, was dieselbe in den Augen der Redaktion also als eine wesentlich wichtigere Sache erscheinen läßt.

Die Gefühlskälte der meisten Journalisten und die Dummheit der ad hoc Kommentare der Politiker haben plötzlich den klaffenden Abgrund gezeigt, der zwischen ihrem geistigen Universum und dem der Franzosen besteht. Die Schönheit von Notre-Dame würde die herrschende Klasse nicht vergessen lassen, dass sie für sie ein Denkmal des christlichen Aberglaubens ist. Im Gegenteil hierzu ist die Kathedrale für die Öffentlichkeit der Ort, wo die Franzosen als Volk zusammenkommen, um sich in stillem Gedenken zu versammeln oder Gott zu huldigen.

In Sachen Kommunikation wird es wahrscheinlich ein Vor und ein Nach dem Brand geben; jedenfalls ist eine Mehrheit der Franzosen durch die Katastrophe schockiert und über die arrogante Gleichgültigkeit ihrer herrschenden Klasse empört.

L’Ile de la Cité und die Tourismus-Branche

Der Präsident der Republik, Emmanuel Macron, entschied unmittelbar nach dem Brand, Notre-Dame nicht zu restaurieren, sondern ein schwieriges Projekt, das seit zweieinhalb Jahren in der Schublade ruhte, durchzuführen.

Im Dezember 2015 war von dem damaligen Präsidenten der Republik, François Hollande, sowie der Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, ein Projekt auf den Weg gebracht worden, dessen Ausarbeitung ein ganzes Jahr in Anspruch nahm. Während dieser Zeit war Emmanuel Macron Minister für Wirtschaft, Industrie und Informatik. Daran teilgenommen haben mehrere Persönlichkeiten, darunter Audrey Azoulay, damals Ministerin für Kultur und heute Direktorin der UNESCO, sowie der Präfekt Patrick Strzoda, damals Kabinettdirektor des Innenministers und heute der von Macron. Die Leitung hatte der Präsident des Zentrums der Nationaldenkmäler, Philippe Bélaval, und der Architekt Dominique Perrault.

Mit der Feststellung, dass die Ile de la Cité seit ihrer Umgestaltung durch Baron Haussmann im 19. Jahrhundert ein für die Öffentlichkeit geschlossener Verwaltungskomplex ist, der die Sainte-Chapelle und die Kathedrale Notre-Dame de Paris umfaßt, sah die Gestaltung des Projekts vor, diese in ein Insel-Monument umzuwandeln. Die Gelegenheit dazu ergibt sich durch die Umsiedlung des Gerichts, die Reorganisation der Polizeipräfektur und des Hôpital de l’Hôtel Dieu. In der Tat ermöglicht diese Umstrukturierung, insgesamt alles zu reorganisieren.

Der Maßnahmenkatalog beinhaltet 35 koordinierte Projekte, einschließlich der Schaffung einer unterirdischen Verkehrsader sowie die Glasüberdachung von vielen Höfen, um aus der Insel einen obligatorischen Wanderweg für 14 Millionen jährliche Touristen und gegebenenfalls Franzosen zu erstellen. Der Bericht über diesen Plan betont den unglaublichen Geschäftswert des Projekts, sagt jedoch kein Wort über den Wert des patrimonialen Erbes, allem voran des geistigen Erbes der Sainte-Chapelle und der Kathedrale Notre-Dame, die ausschließlich als touristische Sehenswürdigkeiten und eine mögliche Einkommensquelle betrachtet werden.

Der Ansicht seiner Autoren zufolge war es leider nicht möglich, dieses ehrgeizige Projekt schnell genug zu verwirklichen, nicht so sehr auf Grund fehlender finanzieller Mittel, komplizierter administrativer Vorschriften und enormer Beschränkungen rechtlicher Natur, sondern deswegen, weil die geringste Enteignung Jahrzehnte dauern kann, wenngleich die Ile de la Cité nur wenige Einwohner zählt. Der Direktor des Zentrums der nationalen Denkmäler schien das Verbot, einen Teil dieses Erbes zu zerstören, um es durch einen anderen Teil zu ersetzen, zu bedauern.  

 

Die Wahl des Elysée-Palastes

In den Stunden, die auf den Brand folgten, wurde es offensichtlich, dass sehr erhebliche Mittel von Spendern, von normalen Bürgern bis hin zu den Besitzern   großer Vermögen, verfügbar sein würden. Das Ziel des Elysées war daher, eine Behörde einzurichten, die sowohl die Rekonstruktion von Notre-Dame als auch die Umwandlung der Ile de la Cité durchführen könnte.

Am nächsten Tag, am 16. April, während eines TV-Auftritts, erklärte Präsident Macron: »Ja, wir werden die Kathedrale Notre-Dame wieder aufbauen, noch schöner, und ich will, dass dies innerhalb von 5 Jahren abgeschlossen sein wird«. Übergehen wir das ich will, das typische Merkmal nicht eines gewählten republikanischen Beamten, sondern eines Industriekapitäns. 5 Jahre ist sehr kurz, vor allem im Vergleich zu den 150 langen Jahren des Baus der Kathedrale. Es ist jedoch der für die rechtzeitige Fertigstellung nötige Zeitaufwand für die Touristen der Olympischen Spiele von 2024. Das war das vorhergesehene Datum der Mission Bélaval-Perrault.

Zwei Tage später, am 17. April, wurde die Sitzung des Ministerrats ausschließlich  den Folgen des Feuers gewidmet. Es wurden drei wichtige Entscheidungen getroffen:

-   Die Ernennung des ehemaligen Stabschefs der Streitkräfte, General Jean-Louis Georgelin, damit dieser vom Elysée-Palast aus eine spezielle repräsentative Aufgabe schultere, um die
Weiterführung der einzuleitenden Verfahren und der zu unternehmenden Arbeiten zu überwachen;

-   Das Parlament dazu zu bewegen, ein Gesetz zu verabschieden, das über die Verwaltung der Geldspenden entscheidet, die Ernennung von General Georgelin, der die Altersgrenze erreicht hat, regelt, und vor allem dafür sorgt, dass er hinsichtlich seiner Aufgabe von allen üblichen Verfahrensauflagen,  Denkmalschutz-Gesetzen und von allen möglichen Abhängigkeiten, die entstehen könnten, befreit wird;

-   Einen internationalen Architekturwettbewerb zu starten, um Notre-Dame wieder aufzubauen. Ein weiterer Beschlu
ß, der gefaßt wurde, soll jegliche Debatte über die Ursache des Feuers ersticken, um zu vermeiden, dass eine gerichtliche Untersuchung das entworfene Projekt stören könnte.

 

Die Lüge des Staates  

Der durch die persönliche Intervention von Emmanuel Macron neu ernannte Staatsanwalt von Paris, Remy Heitz, hat sofort versichert, dass die kriminelle Spur im Zusammenhang mit dem Brand nicht bevorzugt behandelt werden wird, und dass das Feuer mit einem Bauunfall zusammenhängt. Erstere Zusicherung hat unter den Experten des Denkmals, der Feuerwehr, der Handwerker und der Architekten, für die kein mit den Bauarbeiten zusammenhängendes Element zu solch einem Feuer an diesem Ort und mit dieser Geschwindigkeit führen konnte, einen Aufruhr bewirkt.

Das Beharren des Staatsanwalts und des Polizeipräfekten, Didier Lallement, zu einem Zeitpunkt Stellung zu nehmen, zu dem noch kein Ermittler den Brand vor Ort untersuchen konnte, zeugt von der Erstellung einer offiziellen Version, die keinen Anlass zu langen blockierenden Untersuchungen geben sollte.  

Dies verschärft auch die Fragen hinsichtlich einer willkürlich beseitigten Spur einer anti-christlichen oder anti-religiösen Tat, besonders im Zusammenhang mit dem Vandalismus gegen die Kirchen  [878 Schändungen in 2017], der Brandstiftung in der Kirche Saint-Sulpice am 17. März oder des Brandes der Moschee Al-Marwani auf der Esplanade von Al-Aqsa in Jerusalem.

Da man weiß, dass die meisten großen Brände Teil von Immobilienprojekten sind, muß darüber hinaus die Hypothese einer gewollten Handlung zwecks Ermöglichung der Umwandlung der Ile de la Cité geprüft werden.

Diese Fragen sind alle legitim, aber in Ermangelung einer Untersuchung ist auch nicht eine einzige definitive Antwort legitim.

 

 

[1]  https://www.suedkurier.de/ueberregional/panorama/Kuriose-Plaene-fuer-den-Wiederaufbau-des-Pariser-Wahrzeichens-Ein-Dach-aus-Glas-fuer-Notre-Dame;art409965,10132570   30. 4. 19 
Kuriose Pläne für den Wiederaufbau des Pariser Wahrzeichens: Ein Dach aus Glas für Notre-Dame? - Von Birgit Holzer und David Bäuerle 

 

[2]  https://www.voltairenet.org/article206343.html    29. 4. 19 
Das versteckte Streitobjekt bei der Wiederherstellung von Notre-Dame - von Thierry Meyssan  -  leicht gekürzt

Original auf https://www.voltairenet.org/article206324.html   27. 4. 19
L’enjeu caché de la restauration de Notre-Dame par Thierry Meyssan